{"id":351,"date":"2017-03-19T21:37:11","date_gmt":"2017-03-19T19:37:11","guid":{"rendered":"http:\/\/gj-wiesbaden.de\/?p=351"},"modified":"2017-06-13T12:08:11","modified_gmt":"2017-06-13T10:08:11","slug":"brauchen-wir-in-zeiten-des-klimawandels-ueberhaupt-noch-wirtschaftswachstum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gj-wiesbaden.de\/?p=351","title":{"rendered":"Brauchen wir in Zeiten des Klimawandels \u00fcberhaupt noch Wirtschaftswachstum?"},"content":{"rendered":"<div class=\"textLayer\" style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Autor: David<br \/>\n<\/span><\/strong><\/div>\n<p class=\"textLayer\" style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"textLayer\" style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Die meisten Politiker*innen sind sich einig, was bei wirtschaftlichen und sozialen Schieflagen erforderlich ist:<\/span><\/p>\n<div class=\"textLayer\" style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<div class=\"textLayer\" style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Wirtschaftswachstum. Die Stimulierung der Konjunktur scheint das Allheilmittel zu sein, mit der gesellschaftlicher Wohlstand erreicht werden kann \u2013 dieses Paradigma hat sich allerdings nicht nur bei Politiker*innen durchgesetzt, sondern in der ganzen Gesellschaft. Wenn nach einer Wirtschaftskrise wieder ein leichtes Wachstum einsetzt, sind alle erleichtert; wenn die Volkswirtschaft Chinas w\u00e4chst, sei das gut f\u00fcr die ganze Welt, und auch in Europa schaut man hauptsichtlich auf Wachstums zahlen und weniger etwa auf Statistiken zu Ungleichheiten oder Jugendarbeitslosigkeit.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"textLayer\" style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Im \u00f6ffentlichen Diskurs wird die Logik Wachstum = Wohlstand kaum hinterfragt \u2013 leider auch nicht stark genug von progressiveren politischen Kr\u00e4ften. Warum eigentlich nicht?<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Mehr Wirtschaftswachstum bedeutet zun\u00e4chst einmal mehr Produktion und mehr Konsum als vorher, und infolgedessen auch mehr CO2-Emissionen (auf die Frage nach gr\u00fcnem, nachhaltigem Wachstum wird sp\u00e4ter eingegangen). Ein sehr anschauliches Beispiel ist die Tatsache, dass die meisten Industrien mittlerweile absichtlich Produkte herstellen, die eine geringe Lebensdauer haben, sprich nach wenigen Jahren bereits verschlei\u00dfen und somit ein neues Produkt gekauft werden muss (Handys, Waschmaschinen u.v.m.). Das f\u00fchrt selbstverst\u00e4ndlich zu einer h\u00f6heren Produktion und die Wirtschaft w\u00e4chst.<\/span><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Doch die Transportwege verursachen Treibhausgase, Rohstoffe wie z.B. Metalle m\u00fcssen daf\u00fcr abgebaut werden und in genug F\u00e4llen geschieht dies unter \u00f6kologisch und sozial fragw\u00fcrdigen Bedingungen. Und schon f\u00e4ngt die Gleichung Wachstum = Wohlstand an zu br\u00f6ckeln; die Umweltsch\u00e4den werden n\u00e4mlich nicht im BIP ber\u00fccksichtigt. Viele haben die Hoffnung, man k\u00f6nne Nachhaltigkeit mit Wirtschaftswachstum vereinen \u2013 beispielsweise mit erneuerbaren Energien, oder dass durch Recyceln der Ressourcenverbrauch gedr\u00fcckt werden kann. Dahinter verbirgt sich die Hoffnung, dass wir unseren im globalen Vergleich luxuri\u00f6sen Lebensstandard und das Klima erhalten k\u00f6nnen. Das w\u00e4re nat\u00fcrlich toll, aber viele Expert*innen sehen diese absolute Entkopplung eher skeptisch.<\/span><\/div>\n<p><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Ohne jeglichen Zweifel sind der Ausbau der erneuerbaren Energien sowie Recyceln dringend erforderlich, aber nicht jede\/r wird k\u00fcnftig mit einem Elektroauto herumfahren k\u00f6nnen, weil auch die Produktion von Elektroautos Ressourcen ben\u00f6tigt, darunter seltene und schwer abzubauende Metalle wie Lithium. Oder anders ausgedr\u00fcckt: Unser westliches Konsumverhalten an sich muss infrage gestellt werden, da allein der Materialbedarf f\u00fcr unsere G\u00fcter so hoch ist, dass keine Technologie es vermag, die damit verbundenen Umwelt- und Klimasch\u00e4den zu kompensieren. Auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen kann es kein unbegrenztes, unendliches Wachstum geben.<\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">\u00a0<\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Daher stellt sich die Frage, ob man weiter das neoliberale und wachst ums besessene Wirtschaftsmodell verfolgen will, welches darauf basiert, die Erde und somit die Lebensgrundlage zuk\u00fcnftiger Generationen zu zerst\u00f6ren, oder ob man sich Gedanken dar\u00fcber macht, wie man das Verh\u00e4ltnis Wirtschaft \u2013 Gesellschaft neu definiert und tats\u00e4chlich nachhaltig gestaltet. Eine ganze Reihe von \u00d6konom*innen hat sich in den letzten Jahren genau mit dieser Frage befasst; sie sind Vertreter*innen der sogenannten Degrowth &#8211; oder Post wachstumsans\u00e4tze. Autoren wie Niko Paech (\u201eBefreiung vom \u00dcberfluss \u2013 Auf dem Weg in die Postwachstums\u00f6konomie\u201c) oder Tim Jackson (\u201eWohlstand ohne Wachstum\u201c) pl\u00e4dieren f\u00fcr eine Abkehr vom jetzigen Modell hin zu einer wirklich nachhaltigen Wirtschaftsordnung.<\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">\u00a0<\/span><\/div>\n<h6 style=\"text-align: left;\"><\/h6>\n<div style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Das klingt erstmal sehr abstrakt, aber es gibt bereits unz\u00e4hlige Vorschl\u00e4ge und Konzepte \u2013 teilweise schon im Kleinen realisiert \u2013 wie das umgesetzt werden kann. Um das Ziel zu erreichen, CO2- Emissionen auf ein \u00f6kologisch nachhaltiges Ma\u00df zu dr\u00fccken, ist es zun\u00e4chst unausweichlich, unser Konsum &#8211; und Reiseverhalten zu begrenzen. Muss wirklich jeder ein Auto haben oder kann manauch den \u00f6ffentlichen Personennahverkehr benutzen? Ist es notwendig, immer mit dem Flugzeug zu verreisen, oder gibt es auch sch\u00f6ne Reiseziele in Europa, die man mit dem Zug erreichen kann? M\u00fcssen wir im Winter Erdbeeren und Mangos kaufen, die vom anderen Ende der Welt kommen? Warum nicht mal zu den leckeren lokalen und saisonalen Alternativen greifen? Und muss der\/die Durchschnittsdeutsche wirklich 60 Kilo Fleisch im Jahr essen, ganz abgesehen davon, dass es in dem Ausma\u00df gesundheitssch\u00e4dlich ist? Selbstverst\u00e4ndlich w\u00e4re das eine Umstellung; angesichts der globalen Erw\u00e4rmung w\u00e4re ein solches Umdenken allerdings dringend erforderlich.<\/span><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Hier stellt sich auch die Frage, inwiefern Gl\u00fcck oder Lebensqualit\u00e4t davon abh\u00e4ngt, jedes Jahr nach Mallorca oder Thailand zu fliegen, jeden Tag Fleisch zu essen und ein eigenes Auto vor der T\u00fcr stehen zu haben. Au\u00dferdem \u2013 und hier kommen wir zu einem sehr beliebten Argument \u2013 m\u00fcsste das Konzept der \u201eArbeit\u201c neu definiert werden. Ist es notwendig, dass in Zeiten zunehmender Automatisierung 40 Stunden pro Woche oder mehr gearbeitet wird? Muss man ein Gehalt in einer bestimmten H\u00f6he bekommen, wenn man keine Zeit hat, dieses auszugeben? Und macht Geld bzw. Konsum automatisch zufrieden?<\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">\u00a0<\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Eine Reduktion der generellen Arbeitszeit h\u00e4tte das Potential, Menschen gl\u00fccklicher und ges\u00fcnder zu machen. Gl\u00fccklicher, weil sie mehr Zeit h\u00e4tten, sich ihren wirklichen Hobbys oder Freunden und Familie zu widmen, und ges\u00fcnder, weil sie mehr Zeit h\u00e4tten, zu kochen, Sport zu treiben, auszuschlafen und auf ihr generelles Wohlbefinden zu achten. Es ist traurige Realit\u00e4t, dass unsere heutige leistungsorientierte Gesellschaft Profit \u00fcber Gesundheit stellt und viele Menschen daran psychisch erkranken (siehe voriges politisches Statement von Katharina).<\/span><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">H\u00e4tten die Menschen mehr freie Zeit zur Verf\u00fcgung, k\u00f6nnten sie sich unter anderem mehr um pflegebed\u00fcrftige Angeh\u00f6rige k\u00fcmmern, Sachen selbst herstellen anstatt zu kaufen, Gegenst\u00e4nde reparieren, sich mit den Nachbar*innen vernetzen, um gemeinsam Dinge zu teilen (Auto, Bohrmaschine, Waffeleisen) oder auch g\u00e4rtnern, um selbst frische und gesunde Lebensmittel auf den Tisch zu bekommen. Solche Aktivit\u00e4ten w\u00fcrden nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der in Zeiten des Neoliberalismus immer weiter schwindet, f\u00f6rdern, sondern auch die Menschen mit sich selbst, einander und der Natur verbinden.<\/span><\/div>\n<h6 style=\"text-align: left;\"><\/h6>\n<div style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">\u00a0<\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Nat\u00fcrlich w\u00e4re eine solche sozio\u00f6konomische Transformation vom Kapitalismus weg hin zu einer nachhaltigen Postwachstums\u00f6konomie historisch beispiellos, aber angesichts des Ausblickes, dass sich bei gleichbleibender wirtschaftlicher T\u00e4tigkeit die Erde um mindestens 3\u00b0C erw\u00e4rmt, haben wir eigentlich keine andere Wahl. Nur, wenn das jetzige auf Wachstum basierte, ressourcenintensive kapitalistische Wirtschaftsmodell in Frage gestellt und abgel\u00f6st wird, hat die Erde eine Chance.<\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: David \u00a0 Die meisten Politiker*innen sind sich einig, was bei wirtschaftlichen und sozialen Schieflagen erforderlich ist: Wirtschaftswachstum. Die Stimulierung der Konjunktur scheint das Allheilmittel zu sein, mit der gesellschaftlicher Wohlstand erreicht werden kann \u2013 dieses Paradigma hat sich allerdings nicht nur bei Politiker*innen durchgesetzt, sondern in der ganzen Gesellschaft. 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