Für den aufmerksamen und gesellschaftskritisch ausgerichteten Beobachter bietet das Mysterium „moderne Arbeitswelt“ eine Schatzkammer sondergleichen. Es ergeben sich skurrile und teilweise erschreckende Erkenntnisse über die Eigenschaften der modernen Arbeitswelt.

Zunächst gar nicht erschreckend wirkt die zunehmende Eigenständigkeit von Arbeitnehmer*innen in der Arbeitswelt. Wir können uns zunehmend unsere Arbeitszeit selbst einteilen und schon längst ist der Arbeitsplatz nicht mehr der einzige Ort, an dem E-Mails abgerufen werden können. „Künftig werden viele Arbeitnehmer*innen nicht mehr nur am Arbeitsplatz, sondern von überall arbeiten können. In der Zeit von Laptop und Smartphone sind starre Regelungen nicht mehr zeitgemäß“, meinte Rainer Dulger, Vorstand beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall.

Klingt doch super! Doch hat diese augenscheinlich positive Entwicklung hin zu mehr Selbstständigkeit im Beruf, flexibleren Arbeitszeiten, Homeoffice und einer lockeren Arbeitsatmosphäre auch ihre Kehrseiten?

Und wie! Es ist ein gesellschaftlicher Prozess, der sich schon lange durch die Büroräume schlängelt. Oder eben nicht nur dort. Denn aus der zunehmenden Eigenständigkeit der Arbeitnehmer*innen folgt auch eine Entgrenzung von Arbeit und Leben. Arbeitnehmer*innen sind zunehmend nicht mehr an Stechuhren gebunden und können in einem gewissen Umfang frei über ihre Arbeitszeiten verfügen. Klingt verlockend, hat aber auch zur Folge, dass Arbeitsnehmer*innen eine höhere Verantwortung übertragen bekommen haben, da sie nun „Herr-ihrer-Zeit“ sind.

„Burnout-Fälle von Arbeitnehmern nehmen zu“

„Herr ihrer Zeit“ waren die zahlreichen Berufstätigen mit psychischen Erkrankungen vielleicht, ganz sicher aber nicht „Herr ihrer Gesundheit“. Jahr um Jahr kommen laut AOK 100.000 Burnout-Fälle von Arbeitnehmer*innen hinzu. Hinweise wie diese sind in den Medien an der Tagesordnung und regelmäßig streiten Arbeitnehmer*innen- und Arbeitgeber*innenvertreter darüber, worin die Ursache an den stetig steigenden psychischen Erkrankungen liegt. Die Arbeitnehmer*innen argumentieren in der Regel damit, dass der erhöhte Arbeitsdruck und die gestiegene Arbeitsbelastung in den Betrieben schuld seien.

Was sagen die Arbeitgeber*innen dazu? Die argumentieren meist damit, dass die Berufstätigkeit nie die alleinige Ursache für das Entstehen psychischer Erkrankungen sei. Oft fallen Sätze wie: „Die psychischen Störungen hätten nicht zugenommen, sie würden nur häufiger diagnostiziert“.

Völliger Quatsch! Als klinisches Phänomen bestätigt, ist Burn-out ernst zu nehmen und an der Ursache zu bekämpfen. Die Arbeitswelt hat sich verändert und mit ihr die Bedingungen für die Arbeitnehmer*innen. Seitdem die strikte Trennung von Privatleben und Beruf aufgehoben wurde, werden schon bei der Einstellung neuer Mitarbeiter*innen nicht nur fachliche, sondern auch soziale Kompetenzen, die sogenannten „soft skills“, wie Teamfähigkeit, getestet. Und während laufender Arbeitsphasen wird mit Teambuilding-Programmen versucht, die Mitarbeiter*innen in ihren sozialen Kompetenzen zu schulen. Klingt nett, wird aber nur fabriziert, um höhere wirtschaftliche Effekte zu erreichen. Arbeitnehmer*innen werden bloß als humanes Kapital angesehen und haben gefälligst, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Das wird in den Weiterbildungen geschult.

„Der Arbeitnehmer als humanes Kapital“

Diese Form von emotionaler Selbstkontrolle ist eine zentrale Folge der zunehmenden Eigenständigkeit der Arbeitnehmer*innen. Je höher demnach die Authentizität eines Individuums, desto höher ist das Level an emotionaler Selbstkontrolle des Individuums. In der modernen Arbeitswelt sind wir dazu angehalten, unsere Emotionen zu kontrollieren, und wir tragen selbst Verantwortung darüber, diese Fähigkeit weiter zu optimieren. Die Arbeitsprozesse sollen ökonomisiert werden und das geschieht dadurch, dass das Individuum sich im Team optimal positioniert.

Und sind die Arbeitsprozesse ökonomisiert, leiden Arbeitnehmer*innen oft schon an Burnout. Es ergibt sich ein zentrales Problem. Wir erhalten als Arbeitnehmer*innen nicht nur die Möglichkeit dazu, mehr Verantwortung zu übernehmen, sondern werden mehr oder weniger dazu gezwungen. Gleichzeitig sind wir daher alle dazu angehalten, emotionales Kapital in Form von Soft-Skills zu entwickeln. Wir leben ständig in dem Drang uns permanent selbst zu optimieren: „Arbeitnehmer*innen 2.0“. Das darf nicht sein! Wir dürfen nicht zulassen, dass Arbeitnehmer*innen nur als humanes Kapital wahrgenommen werden!

Wir fordern,

… dass der Schutz vor psychischen Belastungen verstärkt werden soll. Der Mensch soll im Vordergrund stehen und nicht die Wirtschaftlichkeit der Unternehmen.

… die Förderung von altersreduzierten Arbeits-/Arbeitsteilzeit-Modellen. Wir sind keine Maschinen, wir brauchen im Alter für Tätigkeiten länger. Alte Menschen sollen vor zu viel Arbeit geschützt werden.

… den Stopp von weiteren Regulierungen der Werk- und Dienstverträge und keine neuen Belastungen durch Regulierung von Leiharbeit!

Wir fordern, dass die Gesundheit der Arbeitnehmer*innen in allen Fällen vor die Wirtschaftlichkeit der Betriebe gestellt wird!